Reaktion
René Redzepi kündigt Rückzug vom Noma an
LOS ANGELES. René Redzepi hat seinen Rückzug aus der Leitung des Noma und der Stiftung MAD angekündigt. Die Erklärung verbreitete er in den sozialen Medien zum Start des Pop-ups des Noma in Kalifornien und nach den Missbrauchsvorwürfen, die in den vergangenen Wochen in den sozialen Medien bekannt wurden sowie einem Bericht der New York Times vom Wochenende. „Ich habe daran gearbeitet, ein besserer Leader zu sein und Noma hat über viele Jahre große Schritte unternommen, um die Kultur zu verändern. Ich erkenne, dass diese Veränderungen die Vergangenheit nicht reparieren. Eine Entschuldigung ist nicht genug; ich übernehme Verantwortung für meine eigenen Taten“, heißt es in der Erklärung. Darüber hinaus veröffentlichte Redzepi einen fast fünfminütigen Film, der eine Ansprache vor Mitarbeitenden des Noma bzw. des Pop-ups in Kalifornien zeigt.
Das heutige Noma-Team sei das „stärkste und inspirierendste, das es je gab“. Es werde gemeinsam das Pop-up in Los Angeles vorantreiben, „um zu zeigen, worauf sie hingearbeitet haben, und um Gäste zu etwas ganz Besonderem willkommen zu heißen.“ Nomas Mission für die Zukunft bestehe darin, immer wieder Ideen zu erforschen, neue Geschmacksrichtungen zu entdecken und sich vorzustellen, was Essen in Jahrzehnten werden kann. Noma war schon immer größer als jede einzelne Person. Und dieser nächste Schritt ehrt diesen Glauben“, so Redzepi in seiner schriftlichen Erklärung.
Redzepis Ansprache ans Team in Los Angeles
Darüber hinaus verbreitete René Redzepi ein Video, das ihn bei einer Ansprache vor dem Team in Los Angeles zeigt. Darin erklärte er: „Es tut mir wirklich sehr leid, dass ihr alle in dieser Situation seid. Ich glaube nicht, dass das unser Team repräsentiert. Ich bin so stolz darauf, wo wir als Organisation stehen. Aber wir stecken gerade mitten in der Krise. Damit ihr euch alle absolut sicher fühlt, werde ich mich vorübergehend zurückziehen. Wir werden das bald bekanntgeben. Die Leitung des Restaurants liegt vorerst aber in euren Händen, und ich hoffe inständig, dass ihr dafür kämpft. Ich drücke mich nicht vor der Verantwortung für mein Verhalten. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, wie ich mich verhalten habe. Viele von euch sind schon lange genug hier, um diesen Wandel miterlebt zu haben. Deshalb brauche ich eure Unterstützung. Wir gewinnen unsere Gäste einzeln zurück. Und das wird den Unterschied machen. Langfristig gesehen wird das der Schlüssel zum Erfolg sein. Die Gäste hier und dort: Sprecht offen darüber, was euch bewegt, wenn man euch fragt. Aber wir gewinnen unsere Gäste einen nach dem anderen. Wir werden das schaffen. Aber weil sich alles so sehr um mich dreht, muss ich mich zurücknehmen. Ich glaube, dies ist das Restaurant des Jahrzehnts. Ich wollte es erst am Ende dieses Projekts sagen, aber ich glaube fest daran. Ich spüre es in der Energie. Es ist natürlich nicht nur Arbeit für mich. Viele von Ihnen sind heute meine Familie. Wenn man 19, 14, 10 oder nochmal 10 Jahre mit jemandem zusammenarbeitet, dann ist die Verbindung einfach überall spürbar. Nach 13 Jahren werden wir mehr als nur Kollegen. Hier schöpfe ich meine Energie. Mein Engagement ist nach wie vor dasselbe: Ich möchte ein außergewöhnliches Unternehmen schaffen, in dem gutes Essen im Mittelpunkt steht und wir Teil eines Wandels sind. Und mein Versprechen an Sie ist, das beste Unternehmen der Gastronomiebranche zu schaffen, das es je gab. Das ist mein Versprechen. Und das schon seit vielen Jahren. Die NOMA 3.0-Phase war die Zeit, in der wir versuchen wollten, eine Art Wirtschaft aufzubauen, um die Menschen in der Gastronomie auf unauffällige Weise zu unterstützen. Es ist sehr, sehr schwer, wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Man kann Dinge in Minuten zerstören, und der Wiederaufbau kann ewig dauern. Bitte, kämpft! Haltet zusammen! Findet Kraft ineinander als Team. Und wisst, dass ich das tue, um alle hier zu schützen. Ich kann das nur sagen, weil ich sehe, was online los ist – so etwas gab es schon lange nicht mehr. Ich weiß, ich weiß, dass das nicht zu uns passt. Und genau das motiviert mich so sehr. Und das müssen wir der Welt erklären und vermitteln. Es gibt viele Seiten an der Sache. Es ist keine einseitige Angelegenheit. Gut. Ihr werdet mich also weiterhin sehen, aber nicht mehr so wie in den letzten 23 Jahren. Ihr habt jetzt das Sagen. Das ist jetzt euer Restaurant, jeder einzelne von euch. Ich plane jetzt die nächste Phase. Ich übernehme das. Lasst uns einen guten Service bieten!“
Proteste und Sponsorenrückzug
Zuvor hatten örtliche Medien wie die Los Angeles Times Proteste vor dem Pop-up von Noma gezeigt. Den Berichten zufolge soll es sich etwa um ein Dutzend Personen gehandelt haben. „René Redzepi, Shame on you“ riefen Protestierende, außerdem zeigten sie Schilder mit der Aufschrift „Stop wasting your time, you’re paying for a crime“, während die ersten Gäste mit Autos mit verdunkelten Scheiben auf das Gelände zum ersten Dinner-Service gefahren wurden. Bei dem Protest sprach auch José Ignacio White, der früher als Leiter des Fermentation Lab des Noma tätig war und federführend die jüngsten Vorwürfe gegen Redzepi und das Restaurant in den sozialen Medien publik machte. Er trat im Namen der Organisation „One Fair Wage“ auf, kündigte rechtliche Schritte an und erhob die Forderung nach Wiedergutmachungszahlungen. Außerdem forderte er Änderungen im Management des Unternehmens und der Beschäftigungspolitik.
Zudem verbreitete er in den sozialen Medien ein Schreiben der Organisation: „Wir, die Angestellten von Noma, wenden uns gemeinsam mit unseren Anwälten und Vertretern von One Fair Wage an Sie, um die Beilegung der Rechtsansprüche, eine sofortige Entschädigung für die erlittenen Schäden sowie Änderungen der Unternehmensführung und der Personalpolitik zu fordern. Wir bitten Sie, uns bis spätestens Donnerstag, den 12. März 2026, 12:00 Uhr PST, zu einem Gespräch über diese Forderungen zuzustimmen. Noma hat körperliche und seelische Misshandlungen begangen und Löhne vorenthalten. Sollte das Unternehmen diese Praktiken in den Vereinigten Staaten fortsetzen, verstößt es umgehend gegen den Fair Labor Standards Act (FLSA), 29 U.S.C. § 201 ff. Das Restaurant hat die Rechte seiner Angestellten über viele Jahre hinweg verletzt; die Wiederherstellung dieser Rechte ist notwendig, aber nicht ausreichend. Noma muss seine Unternehmensführung und Personalpolitik ändern, um seinen rechtlichen und moralischen Verpflichtungen gegenüber seinen Mitarbeitern und der Gesellschaft insgesamt nachzukommen. Die Lohnstruktur in der Gastronomie, von der Noma profitiert hat, ist ein direktes Erbe der Sklaverei und seit Jahrzehnten weltweit eine Quelle von Armut, rassistischer Ungleichheit, Belästigung und Lohnraub für Restaurantangestellte. Durch die COVID-19-Pandemie haben Millionen unserer Kolleginnen und Kollegen die Gastronomie verlassen, da sie die Hungerlöhne und die schlechten Arbeitsbedingungen nicht länger ertragen konnten. Restaurants haben versucht, neue Mitarbeiter einzustellen, doch niemand von uns wird es hinnehmen, als ausbeutbarer Ersatz für diejenigen behandelt zu werden, die sich weigern, für Hungerlöhne zu arbeiten. Wir möchten Ihnen mitteilen, dass alle Beschäftigten dieser Branche weltweit menschenwürdige und existenzsichernde Löhne und Arbeitsbedingungen fordern. Wir fordern ein sofortiges Treffen mit Ihnen, um diese Probleme zu lösen. Sollten wir bis Donnerstag, den 12. März, 12 Uhr, nichts von Ihnen hören, werden wir unsere Maßnahmen fortsetzen und verschärfen und die Angelegenheit öffentlich und gerichtlich an die Öffentlichkeit bringen. Bitte beachten Sie: Jegliche Vergeltungsmaßnahmen des Managements gegen die derzeitigen Beschäftigten stellen einen Verstoß gegen den National Labor Relations Act (29 U.S.C.) §§ 151–166 dar. Wir werden unverzüglich rechtliche, öffentliche und mediale Schritte einleiten, sollte es zu Vergeltungsmaßnahmen gegen diese Arbeitnehmer kommen. Wir freuen uns darauf, mit Ihnen über diese Forderungen zu sprechen.“
Dem angekündigten Rückzug Redzepis gingen in den vergangenen Tagen neue Vorwürfe gegen das Noma voraus. Auslöser war eine umfangreiche Recherche der New York Times, in der zahlreiche ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ihre Zeit im Restaurant berichten. Geschildert werden ein über Jahre hinweg problematisches Arbeitsklima, verbale Demütigungen sowie einzelne Fälle körperlicher Übergriffe. René Redzepi räumte daraufhin öffentlich ein, sich in der Vergangenheit gegenüber Mitarbeitenden falsch verhalten zu haben, entschuldigte sich und erklärte, dass eine Entschuldigung allein nicht ausreiche.
Das Noma gilt ungeachtet der aktuellen Debatte als eines der prägendsten Restaurants der modernen Gastronomie. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2003 hat das Haus in Kopenhagen mit seiner konsequent regionalen, saisonalen und technisch innovativen Küche die internationale Spitzengastronomie nachhaltig beeinflusst. Das Restaurant wurde mehrfach zum besten Restaurant der Welt gewählt und entwickelte sich zu einem weltweiten Referenzpunkt für eine neue Form von Fine Dining, die Produktfokus, Fermentation und kulinarische Forschung miteinander verbindet. Der Einfluss des Noma reicht dabei weit über Skandinavien hinaus und zeigt sich bis heute in Konzepten, Arbeitsweisen und kulinarischen Ansätzen zahlreicher Spitzenrestaurants weltweit. 2016 schloss das Noma seine Räumlichkeiten in der a Strandgade. Das Gebäude wird in vielen aktuellen Artikeln weiterhin als Noma gezeigt. In den neuen deutlich größeren Räumen im Refshalevej 96, das als Noma 2.0 bezeichnet wird, kann das Restaurant Gärten und Gewächshäuser nutzen. Der Umzug war Teil eines grundlegenden Neuanfangs, mit dem Redzepi das Restaurant konzeptionell und strukturell neu aufstellen wollte. Bereits damals gehörte eine Verbesserung der Arbeitskultur zu den Zielen des Noma. Später sprach Redzepi bereits von der extremen Belastung der Spitzengastronomie, lange Arbeitszeiten, seinen eigenen problematischen Führungsstil in der Vergangenheit und den Wirtschaftlichkeit des Fine‑Dining‑Modells, das sich im Fall des Noma auch auf die Arbeit einer Viezahl unezahlter Praktikanten stützte. Erst 2022 begann Noma damit, Praktikanten regulär zu bezahlen, nachdem über die vorherige Praxis breit in internationalen Medien berichtet wurde. Daraufhin kündigte das Noma des regulären Restaurantbetriebs in Kopenhagen, verbunden mit dem Plan weltweit Pop ups abzuhalten und nur noch gelegentlich in Kopenhagen zu öffen.
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