Statement
JRE: "Spitzenküche ist cool"
Die Debatten rund um die deutsche Spitzengastronomie sind seit Monaten von denselben Narrativen geprägt: Fachkräftemangel, wirtschaftlicher Druck und die Diskussion um zeitgemäße Arbeitszeitmodelle dominieren die Branchennews. Dass der Mikrokosmos Fine Dining trotz dieser realen, strukturellen Herausforderungen nach wie vor zu den dynamischsten, kreativsten und vielseitigsten Arbeitswelten überhaupt gehört, droht im Zuge dieser anhaltenden Debatte nach Auffassung der Jeunes Restaurateurs (JRE) unterzugehen. Deren Präsident, Oliver Röde plädiert in einem aktuellen Statement für einen fundamentalen Perspektivwechsel. Er fordert die Branche dazu auf, das Augenmerk wieder auf die eigentliche DNA der Hospitality zu richten: das kollektive Handwerk, die Nachwuchsförderung und die gelebte Innovationskraft im Netzwerk.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Statement des JRE-Präsidenten im vollen Wortlaut:
„Wenn man manchen Schlagzeilen glaubt, ist die Gastronomie vor allem ein Problemfall: Fachkräftemangel, hohe Kosten und schwierige Arbeitsbedingungen beherrschen oftmals die Berichterstattung. Natürlich gibt es diese Herausforderungen. Und natürlich haben auch wir als Vereinigung junger Spitzenköchinnen und -köche diese Themen auf unserer Agenda. Aber wer die Branche darauf reduziert, übersieht das Entscheidende: Kaum eine andere Arbeitswelt bietet so viele Möglichkeiten, sich zu entfalten, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit anderen etwas Besonderes zu schaffen. Vielleicht reden wir deshalb zu selten darüber, warum Menschen seit Generationen mit Leidenschaft in der Gastronomie arbeiten und sich auch heute noch ganz bewusst für diesen Beruf entscheiden. Denn diese Branche lebt von Begegnungen. Sie bringt Menschen zusammen, schafft Erinnerungen und macht echte Gastfreundschaft erlebbar. Gleichzeitig bietet sie Raum für unterschiedliche Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Karrierewege. Genau diese Vielfalt macht den besonderen Reiz unserer Branche aus.
Die Sommelière oder der Sommelier begleitet Gäste durch den Abend, spricht Empfehlungen aus und sorgt dafür, dass Wein und Gerichte harmonieren. Die Serviceleitung führt ihr Team und schafft die Grundlage dafür, dass sich Gäste rundum wohlfühlen. In der Küche verbinden sich Handwerk, Kreativität und jahrelange Erfahrung mit hochwertigen Produkten von Produzenten, Winzerinnen und Winzern sowie Manufakturen. Und mittendrin stehen die Auszubildenden, die mit Neugier, Begeisterung und frischen Ideen die Zukunft unserer Branche mitgestalten. Genau diese Mischung macht die Spitzengastronomie so besonders. Hier treffen unterschiedliche Talente aufeinander, lernen voneinander und verfolgen ein gemeinsames Ziel.
Dieser Gedanke des Miteinanders prägt auch die JRE seit ihrer Gründung. Als Mitglieder dieser Vereinigung erleben wir jeden Tag, wie viel Kraft in diesem Austausch steckt. Seit 35 Jahren leben wir die Überzeugung, dass Wissen geteilt werden muss, damit Qualität wachsen kann. Viele von uns bezeichnen die JRE deshalb nicht nur als Netzwerk, sondern als Familie. Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, voneinander lernt und gemeinsam besser werden will. Und nicht selten ist das sogar ganz wörtlich zu verstehen: In vielen unserer Betriebe arbeiten mehrere Generationen einer Familie Seite an Seite. Dieses Miteinander zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise. Mit der JRE Genuss-Akademie fördern wir beispielsweise junge Talente und begleiten sie auf ihrem Weg in die Spitzengastronomie. Beim JRE Genusslabor 2.0 kommen erfahrene Köchinnen und Köche zusammen, verlassen bewusst ihre Komfortzone und entwickeln gemeinsam neue Ideen. Und im Austausch mit Produzenten, Manufakturen und Partnern wird deutlich, dass außergewöhnliche Gastronomie immer dort entsteht, wo Leidenschaft, Handwerk und hochwertige Produkte zusammenkommen. Umso wichtiger ist es, dass dieser elementare Aspekt unserer Arbeit nicht von Negativschlagzeilen oder dem eigenen Frust überschattet wird. Wenn wir über die Zukunft der Spitzengastronomie sprechen, müssen wir vielmehr über diejenigen Menschen sprechen, die diese Branche prägen. Über ihr Handwerk, ihre Leidenschaft und die vielen Möglichkeiten, die dieser Beruf bietet. Die Spitzengastronomie sucht Talente mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten. Menschen, die gestalten, Verantwortung übernehmen und Teil einer starken Gemeinschaft sein möchten. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, wieder häufiger darüber zu sprechen, warum dieser Beruf für so viele von uns der schönste der Welt ist.“
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